Forschung - Experimentelle Psychologie   
 

     H.-Peter Musahl (Universität Duisburg)     

 
 

Anmerkungen zur Historie der Experimentellen Psychologie
Themen der Experimentalpsychologie
Arten psychologischer Experimente
Labor- vs. Feld-Experiment
Der Versuchsplan als Strukturschema des psychologischen Experiments
Kennzeichen des Experiments: Randomisierung
Kontrolle von Sekundärvarianz im Experiment
Besonderheiten und Grenzen des psychologischen Experiments
Literatur

 

"Experimentelle Psychologie" oder auch "Experimentalpsychologie" bezeichnet die Form des Erkenntniszugangs in der Psychologie durch das Experiment, also nicht eine psychologische Teildisziplin. Zwar ist die experimentelle Forschungsmethode klassisch für Themen aus der Allgemeinen Psychologie: Wahrnehmung mit Psychophysik, Denken und Gedächtnis, Lernen, Motivation und Emotion gehören zu den klassischen experimentalpsychologischen Untersuchungsfeldern. Aber in den letzten Jahrzehnten haben Experimente in nahezu alle psychologischen Teildisziplinen Einzug gehalten.




Anmerkungen zur Historie der Experimentellen Psychologie
.- Die neuere Geschichte der wissenschaftlichen Psychologie ist eng mit der Experimentellen Psychologie verbunden. Das gilt für ihren Anfang, ihren Niedergang in der Zeit von 1930 bis 1945 und schließlich für ihre heutige Stellung in der internationalen Gemeinschaft der Wissenschaften.
Die ersten psychologischen Lehrstühle hatten eine klare experimentelle Ausrichtung, vielleicht weil es sich bei den Vätern der Psychologie keineswegs um Psychologen handelte: Das waren der Physiker und Physiologe Hermann von Helmholtz, der Physiologe Ernst Heinrich Weber, den Wundt als "Vater der experimentellen Psychologie" bezeichnet, der Physiker Gustav Theodor Fechner sowie der Physiologe und Philosoph Wilhelm Maximilian Wundt, der 1879 in Leipzig das erste Psychologische Institut gründete, das Geburtsdatum der modernen Psychologie.
Die Umbenennung der 1904 gegründeten "Gesellschaft für experimentelle Psychologie" in "Deutsche Gesellschaft für Psychologie" im Jahre 1929 bezeichnet Lüer als "das Waterloo für die experimentelle Psychologie" (Lüer, 1991, S. 34). Zwar sollte damit "die Pflege auch der übrigen wissenschaftlichen Methoden der Psychologie" erreicht werden, tatsächlich markierte die nachdrückliche Öffnung für eine "geisteswissenschaftliche" Psychologie aber das vorläufige Ende der experimentalpsychologischen Forschung, den Niedergang der Wissenschaftlichkeit der Psychologie und ihre Unterwerfung unter den Nationalsozialismus - "Ganzheit" reimte sich auf "Völkisches", Psychologie wurde zur "Seelenwissenschaft".
Nach dem zweiten Weltkrieg erholte sich die wissenschaftliche Psychologie in der BRD erst langsam; dabei bestimmte eine experimentell-naturwissenschaftliche Ausrichtung in Forschung und Lehre die Entwicklung. Diese Grundorientierung der Psychologie am experimentellen Paradigma gilt heute international; am 17. September 1982 stimmte die Vollversammlung des International Council of Scientific Unions (ICSU), eine Unterorganisation der UNESCO, der Aufnahme der Internationalen Union für psychologische Wissenschaften als 19. Vollmitglied in den Verband der exakten Wissenschaften zu. Damit wird die Psychologie nun auch international denjenigen Wissenschaften zugerechnet, die bei ihrer Gründung als experimentelle Psychologie Pate gestanden hatten, Physiologie, Physik und biologische Wissenschaften.




Themen der Experimentalpsychologie.-
Wilhelm M. Wundt, der anerkannte "Vater der experimentellen Psychologie", war davon überzeugt, daß die "Völkerpsychologie", ein Vorläufer der Sozialpsychologie, nicht experimentell sein könne; diese Methode sei nur zur Untersuchung psychischer "Grund"-Prozesse geeignet, nicht aber für die "höheren geistigen Prozesse" (Wundt, 1912). Heute gehören sozialpsychologische Experimente zum Standard eines jeden Psychologiestudiums - Psychologie ist zum Prototyp einer experimentellen Sozialwissenschaft geworden.
Dennoch ist der experimentelle Ansatz in den Teildisziplinen der Psychologie unterschiedlich plausibel, Fragestellungen öffnen sich dem experimentellen Zugriff unterschiedlich leicht, häufig erst, nachdem konzeptuelle oder methodische Hürden überwunden waren, in Wechselwirkung ihrerseits neue theoretische Sichtweisen eröffneten und heuristisch fruchtbar wurden. Der experimentalpsychologische Zugang ist damit nicht eine Frage des psychologischen Phänomens, sondern des Forschungstandes und des Fortschritts der verfügbaren empirischen Datenerhebungs- und der statistischen Analyse-Techniken. So können viele komplexe Fragestellungen erst mit Hilfe rechnergestützter apparativer Versuchsanordnungen untersucht werden: Für Mikroanalysen der Augenbewegung von Säuglingen werden schnelle, hochauflösende Kameras, für Blickbewegungen an Bildschirmarbeitsplätzen geeignete Infrarottechniken eingesetzt, einige psychophysiologische und wahrnehmungspsychologische Forschungsaufgaben sind ohne anspruchsvolle elektronische Techniken nicht zu lösen.
Zum anderen ist die Auswertung komplexer Versuchspläne erst durch die Arbeiten von R.A. Fisher (1935, 1953) möglich geworden. Die statistischen Analyseverfahren zur Prüfung signifikanter Haupteffekte und insbesondere von Wechselwirkungen ("Interaktionen") mehrfaktorieller (= mehrere uV) univariater und multivariater (= eine bzw. mehrere aV) Versuchspläne haben es der experimentalpsychologischen Forschung ermöglicht, von der isolierten Untersuchung einzelner Phänome zur experimentellen Analyse komplexer Fragestellungen voranzuschreiten. Die Verfügbarkeit von Rechnerkapazität am Arbeitsplatz, die vor 30 Jahren Rechenzentren vorbehalten war, läßt heute die Verknüpfung multifaktorieller und multivariater statistischer Analyseverfahren und die Realisierung komplexer Forschungsarbeiten zu. Dieser methodologische Fortschritt hat dazu beigetragen, die Kluft zwischen den von Cronbach (1975) noch als "zwei Disziplinen" bezeichneten experimentellen vs. korrelativen Forschungsansätzen zu verringern. Auf diese Weise kann experimentalpsychologische Forschung einen Zugewinn an externer Validität (Generalisierbarkeit) erreichen, ohne die interne Validität (logische Stringenz) der Studien zu beeinträchtigen.




Arten psychologischer Experimente.-
Eine Unterscheidung verschiedener Arten von Experimenten wird sehr häufig nach deren Erkenntnisziel vorgenommen.
(1) Das "Erkundungsexperiment" kommt dem alltäglichen Gebrauch von "experimentieren" im Sinne von "erproben" nahe: Sein Ziel besteht wie bei einer "Pilot-Studie" oder einem Vorversuch in der Untersuchung empirischer, z.B. apparativer Bedingungen für ein folgendes Experiment oder der Erkundung der Verhaltensformen und -möglichkeiten der zu untersuchenden Probandengruppe. Die Befunde dienen der Formulierung präziser empirischer Hypothesen für künftige Experimente.
(2) Mit einem "Methodenexperiment" wird typischerweise die Abbildungsgüte oder Repräsentativität einer mathematischen Modellierungsmethode, eines Verfahrens zur operationalen Definition experimenteller Bedingungen oder zur Messung von Verhaltensmaßen geprüft. Der Experimentator "weiß, was herauskommen muß" - eine bestimmte mathematische Lösung (z.B. eine vorher definierte Anzahl von Faktoren) oder die Anzeige manipulativ herbeigeführter Reaktionen (z.B. Luftstoß zur Provokation eines Lidschlags) - und prüft im Experiment, unter welchen Bedingungen zutreffende oder erwartungswidrige Befunde resultieren.
(3) Im "Anwendungsexperiment" findet die kontrollierte Übertragung des im Labor untersuchten Sachverhalts statt - Interventionstechniken in der Klinischen, der Pädagogischen oder der Arbeits- und Organisationspsychologie sind kontrollierte Veränderungen der Realität, deren Effekt unter den komplexen Bedingungen außerhalb des Labors analysiert wird. Dabei wird der Ablauf des Vorhabens ständig kontrolliert, um bei interventionsbedingten Fehlentwicklungen des untersuchten Systems unmittelbar eingreifen zu können - ein insofern substantieller Unterschied zum Experiment, als der Experimentator hier seine Beobachterrolle aufgibt und in den Prozess eingreift.
(4) Das "Entscheidungsexperiment" ("experimentum crucis") ist theoretisch von besonderem Wert: Es dient der Entscheidung zwischen konkurrierenden Hypothesen oder Theorien, die für den vorliegenden Versuch in der Regel voneinander abweichende oder entgegengesetzte Ergebnisvorhersagen machen. Aufgrund des Befundes gilt die überlegene Vorhersage als "bewährt" (Popper, 1994); dies führt zur Modifikation der vorhandenen Theorie und veranlaßt neue Untersuchungen.




Labor- vs. Feld-Experiment.-
Die häufig verwendete Unterscheidung von Labor- und Feld-Experiment betrifft mit der Bezeichnung des Ortes den Grad realisierter Kontrolle im Experiment und dessen Geltungsanspruch:
Unter einem "Labor-Experiments" versteht man ein Experiment, das unter den besonders gut kontrollierbaren Bedingungen eines eigens hierzu hergerichteten Raumes, im Labor, stattfindet. Hier besteht die Möglichkeit, Störvariablen zu eliminieren (Licht, Lärm), den Versuch gegen ihren Einfluß abzuschirmen oder sie in ihrer Wirkung konstant zu halten und dadurch zu neutralisieren. Diese Kontrolltechniken dienen der ceteris-paribus-Klausel; sie sichern die interne Validität des Experiments. Im Labor können mit Hilfe geeigneter technischer Hilfsmittel exakte Reizdarbietungen und Messungen vorgenommen werden, so daß die Zuverlässigkeit der Variablenisolation, der Bedingungsvariation und der Datenerhebung stets überprüfbar sind und somit die Replikabilität gewährleistet ist.
Im "Feld-Experiment" ist die weitgehende Bedingungskontrolle des Labors nicht möglich, sie ist aufgrund des untersuchten Phänomens im Labor nicht realisierbar oder - im Anwendungsexperiment - nicht erwünscht. Bedingungsinteraktionen und "situationsrepräsentative" Kovariationen werden wirksam, die im Laborexperiment ausgeschlossen sind; darüber hinaus ist es möglich, die Entwicklung von Effekten über längere Zeiträume zu verfolgen.
Bei angewandt-psychologischen Fragestellungen, die komplexe Interventionen systematisch studieren und evaluieren, werden auf der Grundlage spezieller Versuchspläne - z.B. Solomon-Plänen - umfassende Wirkungsanalysen einschließlich der Kontrolle von Interaktionen und möglichen Artefakten durchgeführt (Cook & Campbell, 1979; Nachreiner, Müller & Ernst,1987). Feldexperimente sind daher in psychologischen Anwendungsfeldern dringend zu fordern. Aufgrund größerer Lebensnähe der Untersuchungssituation, ihrer "praktischen" Bedeutung sowie der häufig geringeren Reaktivität seitens der Probanden ist mit einer größeren ökologischen Validität der Befunde zu rechnen - allerdings zu Lasten der Vergleichbarkeit der verschiedenen experimentellen Bedingungen im Sinne der ceteris-paribus-Klausel.




Der Versuchsplan als Strukturschema des psychologischen Experiments.-
Die Wahl einer experimentellen Anordnung beruht auf den Annahmen des Experimentators darüber, inwieweit ein Wirkgefüge mit einer bestimmten Sequenz von unabhängigen (uV) und abhängigen Variab-len (aV) gemäß dem aktuellen Forschungsstand gilt. Dabei ist, wie in Abbildung 1 veranschaulicht, eine definierte Folge von Fragen zu beantworten, die darüber entscheiden, welcher empirische Untersuchungsansatz im konkreten Fall gewählt werden kann, nämlich
- eine korrelative Studie, anhand derer die Struktur der Beziehungen der relevanten Variablen gesucht und quantitativ-systematisch analysiert wird oder
- eine experimentelle Studie, die auf entsprechendem Wissen über die relevanten Variablen auf-baut und die Art der Beziehung zwischen den vermuteten Prediktoren (uV) und den entspre-chenden Kriterien (aV) näher analysieren soll.
Das Ergebnis dieser Überlegungen führt zum Versuchsplan ("design"), dem methodologischen Rationale einer empirischen Untersuchung (Campbell & Stanley, 1966). Dieser stellt die nach Forschungsstand und Untersuchungsziel realisierte Struktur und Abfolge (simultan vs. "vorher-nachher") der Einwirkung der Stufen der uV (Faktoren, uni- vs. multifaktoriell) auf die aV (Ver-haltensmaße, uni- vs. multivariat) schematisch dar, gibt die Kontrolltechniken an, präzisiert die prüfbaren statistischen Hypothesen und charakterisiert damit den methodologischen und theoreti-schen Geltungsanspruch des Versuchs.
Um den Versuchsplan eines Experiments kann es sich nur dann handeln, wenn (1) uV und aV voneinander abgrenzbar sind, (2) wenn aV stets uV folgt und wenn (3) Daten von zumindest zwei Gruppen verglichen werden.
(1) Eine Trennung der relevanten Variablen in Wirkvariablen (uV) und davon abhängige Verhaltensdaten (aV) ist typischerweise bei Korrelationsstudien nicht der Fall; sie sollen komplexe multivariate Variablenzusammenhänge aufdecken und strukturieren. Klassische Beispiele hierfür sind die Faktorenanalysen von Persönlichkeits- oder Intelligenzmaßen, mit deren Hilfe ein "mehrdimensionales" mathematisches Modell der Persönlichkeit oder von Intelligenz-"Faktoren" entwickelt wird. Kausalaussagen sind aufgrund korrelativer Zusammenhänge unzulässig, Kausalität ist eine hinreichende, aber keineswegs notwendige Bedingung für Korrelationen.

(2) Fehlen Kenntnisse über die Sequenz von uV und aV, dann sind wiederum nur korrelative Analysen möglich. Bei vielen sozialwissenschaftlichen und medizinisch-biologischen Problemstellungen gibt es jedoch "unsichere" Annahmen: Es liegt ein kritisches Datum einer aV vor, dessen Verursachungsbedingungen jedoch unbekannt sind. Die klassischen Studien zur jugendlichen Delinquenz oder epidemiologische Studien in der Medizin (Lungenkrebs, Aids), der Biologie (BSE) oder ökologischer Forschung ("Waldsterben") sind Beispiele solcher Untersuchungspläne. Sie werden als "ex-post-facto-Studien" bezeichnet: Aus den vorgefundenen Fakten wird im nachhinein (ex post facto) auf deren Verursachungsbedingungen geschlossen. Methodologisch wird hierbei das relative Wissen um die zeitliche Abfolge der miteinander korrelierenden Variablen in sog. Pfadanalysen zur Begründung von Kausalitätsannahmen herangezogen - auch die als "sozi-alwissenschaftliches Experiment" bezeichnete ex-post-facto-Anordnung beruht somit auf einem korrelativen Versuchsplan. Ein kausaltheoretischer Anspruch kann daher nach der Logik dieser Methode nicht begründet werden, er beruht ausschließlich auf der theoretischen Stringenz der angenommenen Korrelationspfade zwischen den hypothetischen Wirkvariablen.

Abbildung 1: Klassifikation verschiedener Typen von Experimenten (innerhalb des markierten Fel-des) und deren Bezug zu anderen Formen empirischer Untersuchungen. Um ein Experiment handelt es sich nur dann, wenn (1) eine Unterscheidung von unabhängigen (uV) und abhängigen Variablen (aV) möglich ist, (2) die uV der aV stets vorausgeht und (3) die Daten von wenigstens zwei Proban-dengruppen verglichen werden. (modifiziert nach Hager, 1987, S. 73).

(3) Die einmalige Behandlung einer Gruppe und deren "Effekt"-Messung bezeichnet man als "vorexperimentelle Versuchsanordnung" (sog. "one-shot-case-study"). Sie ist eine alltägliche, für den Laien plausible ("Mami, er hat überhaupt nicht gebohrt!" heißt es in der Zahnpastawerbung), allerdings wissenschaftlich wertlose Form empirischer Argumentation: Präexperimentelle Aus-prägungen der aV und weitere Einflußgrößen (uV) bleiben unkontrolliert, Alternativerklärungen können nicht ausgeschlossen werden.

 

 






Kennzeichen des Experiments: Randomisierung.
- Für ein strenges Experiment ist das Prinzip von R.A. Fisher entwickelte Prinzip der "Randomisierung" als Konsequenz der "ceteris paribus-Klausel" kennzeichnend: Die experimentellen Behandlungsbedingungen werden den Versuchs-gruppen, diesen wiederum die Probanden nach dem Zufall ("randomisiert") zugewiesen. Dadurch werden Scheinerklärungen ausgeschlossen, nach denen z.B. ein Verhalten als Effekt der experi-mentellen Behandlung bezeichnet wird, das tatsächlich bereits präexperimentell bestanden hat - nicht die neue Unterrichtsmethode hat zu den besseren Ergebnissen geführt, die Probanden dieser Versuchsgruppe hatten schon vor der Untersuchung einen Lernvorsprung. Der Grad, in dem tatsächlich randomisiert wird, ist ein Merkmal zur Unterscheidung der Typen des Experiments. Diese Beschränkung ist insbesondere bei Experimenten in der Klinischen, Pädagogischen, Arbeits- oder Organisationspsychologie von Belang: Häufig ist eine vollständige Randomisierung nicht möglich, da Klienten-, Schüler- oder Mitarbeiter-Gruppen aus organisatorischen Gründen vorgegeben sind.
(4) In einer "Feldstudie" ist es dem Experimentator zwar möglich, mehrere hinsichtlich definierter Ausprägungen einer uV unterschiedliche Gruppen zu untersuchen, er kann aber weder die Bedingungen den Gruppen, noch diesen die Probanden nach dem Zufall zuordnen; er findet bei-des vor - wie z.B. im "natürlichen Experiment", in dem er als Beobachter lediglich registriert, was in der Realität ohne seinen Eingriff stattfindet oder stattgefunden hat. Der kausaltheoretische Wert ist sehr begrenzt, die Feldstudie liefert im günstigen Fall empirische Evidenz für eine im Experiment zu prüfende Kausalhypothese.
(5) Kann der Experimentator die Behandlungsbedingungen nach dem Zufall zuweisen, muß jedoch den Umstand hinnehmen, daß die Klienten-, Schüler- oder Mitarbeitergruppen vorgege-ben sind, dann handelt es sich um ein "Quasi-Experiment". Bei diesem Experiment-Typ kann ein Grad der Bedingungskontrolle gelingen, welcher dem "Labor" schon recht nahe kommt; aber: Mögliche präexperimentelle Gruppenunterschiede verletzen die "ceteris-paribus-Klausel, der kausaltheoretische Anspruch auch dieses Versuchsplans ist daher begrenzt.




Kontrolle von Sekundärvarianz im Experiment.-
Die experimentalpsychologische Entspre-chung der Baconschen "vexationes artis" sind die Techniken zur Kontrolle von Sekundärvarianz im Sinne des sog. Max-Kon-Min-Prinzips (Maximieren der mit den uV bewirkten Primärvari-anz, Kontollieren der die aV beeinflussende Sekundärvarianz, Minimieren der Fehlervarianz; s. hierzu Kerlinger, 1979): Durch Eliminieren, Konstanthalten, Parallelisieren, Wiederholungsmessung, Blockbildung oder Mischformen dieser Techniken soll der Einfluß von "Störvariablen", die nicht zu den uV gehören, aber gleichwohl systematisch auf die aV einwirken, "kontrol-liert"werden, indem sie in ihrer Wirkung neutralisiert oder, in eine uV umgewandelt, expliziert werden.
(6) Im "Feld-Experiment" werden alle verfügbaren Kontrolltechniken angewendet; aus der Tatsache der experimentellen Untersuchung im "Feld" ergeben sich jedoch Einflußmöglichkeiten auf den Ablauf des Experiments, die der Versuchsleiter nicht abwehren kann oder gerade - z.B. im Fall der Übertragung eines im Labor erprobten Sachverhalts auf die "natürlichen Bedingun-gen" - studieren will. Insbesondere sozialpsychologische Aspekte des Experiments wirken im Feldexperiment, die zwar den kausaltheoretischen Anspruch schmälern, die ökologische Validität des experimentellen Befunds hingegen erhöhen können.
(7) Das höchste Maß interner Validität des experimentellen Befunds ist durch das "Labor"-Experiment gewährleistet: Strenge Variablenisolation und weitgehender Kontrolle von Sekun-därvarianz verursachenden Quellen gestatten die grundlagenwissenschaftlichen Suche nach Kau-salbeziehungen zwischen isolierten Reizbedingungen und Verhaltensparametern; die darin zu-meist implizierte ceteris-paribus-Annahme ist nur unter Laborbedingungen zu realisieren. Dem Laborexperiment kommt damit der relativ höchste kausaltheoretische Anspruch zu, allerdings auch die schärfste Gegnerschaft aufgrund des Vorwurfs, im Labor werde der Zugewinn an inter-ner Validität durch dessen Künstlichkeit und den Verlust an externer oder ökologischer Validität erkauft.
Diese Kritik ist immer dann berechtigt, wenn die Untersuchung eines dynamischen Prozesses oder "offenen Systems", in dem naturgemäß nicht "alle übrigen Bedingungen gleich" sind, nicht - wie angezeigt - unter "natürlichen" Bedingungen, sondern im Labor erfolgt. Dahinter steht gelegentlich aber auch die erkenntnistheoretisch zweifelhafte Erwartung, der Experimentator könne mit Hilfe sog. repräsentativer Versuchsanlagen und besonderer, z.B. "qualitativer" statt quantitativer Untersuchungsmethoden den "wahren" Datenverhältnissen näher kommen - Hawking (1993, S. 59) nennt dies den "unausgesprochenen Glauben an eine modellunabhängige Wirklichkeit".




Besonderheiten und Grenzen des psychologischen Experiments.-
Ein häufiger Einwand gegen das psychologische Experiment gilt der Frage, ob eine weitgehende Variablenreduktion und Bedingungskontrolle ohne ernsthafte Einschränkung der Variablenrepräsentativität für den Untersuchungsgegenstand hingenommen werden darf - gelegentlich versehen mit dem populären Hinweis, Psychisches könne man doch nicht "Messen". Diese von geisteswissenschaftlicher Seite der experimentellen Psychologie vorgehaltene Sorge der Gegenstandsverkürzung durch den empirischen Zugriff ist jedoch zurückzuweisen: Das durch den Vorgang der Beobachtung veränderte und erst aufgrund seiner Operationalisierung dem empirischen Zugriff zugängliche Phänomen ist kein Spezifikum der Experimentalpsychologie; es reflektiert vielmehr eine grundsätzliche erkenntnistheoretische Bedingung jeder Wissenschaft. Geisteswissenschaftliche Methoden sind lediglich andere Werzeuge; sie gestatten keineswegs eine "berührungsfreie" Gegenstandsbehandlung, der ein höherer Wahrheitsanspruch zukäme. Kriterium ist die Bewährung experimenteller Befunde, ihre Replikabilität und Unabhängigkeit von den individuellen, räumlichen, zeitlichen und technisch-methodischen Bedingungen. Dies gilt für die experimentelle Methode, unabhängig vom inhaltlichen Anwendungsfeld; die gelegentlichen Rückzugsgefechte und Selbstbeschrän-kungen sozialwissenschaftlichen, insbesondere aber psychologischen Experimentierens gegenüber demjenigen in anderen Biowissenschaften sind insofern also unangebracht.
Allerdings gelten für das psychologische Experiment durch seinen Gegenstand, das Studium des Verhaltens dynamischer individueller und sozialer Systeme, Grenzen und besondere Untersuchungsbedingungen.
Eine zentrale Beschränkung der Eingriffsmöglichkeit des Experimentators wird mit der Unterscheidung von "Reizvariablen" und "Organismusvariablen" charakterisiert: Während er physikalische Reizbedingungen in der Regel willkürlich variieren oder kontrollieren kann, bringt der Proband sein Geschlecht, Ausprägungen von Persönlichkeitsmerkmalen oder seine individuelle Lerngeschichte in das Labor mit. Um Konfundierungen von Reiz- und Organismusvariablen zu vermeiden, kann der Versuchsleiter den Effekt interindividueller Variabilität konstant halten, indem er sie in Wiederholungsmessungs-Versuchsplänen neutralisiert, bei großen Stichproben auf die Wirkung der Randomisierung als Kontrolltechnik hoffen, interindividuelle Unterschiede in Blockversuchsplänen explizieren, indem er sie als Bedingungsfaktoren behandelt, oder er bestimmt ihren relativen Varianzbeitrag mit Hilfe einer Kovarianzanalyse - deutlich ist aber: Eliminieren kann er sie nicht.

Eine Reihe besonders bedeutsamer Spezifika beziehen sich unter dem Stichwort der Sozial-psychologie des Experiments auf die Interaktion zwischen dem Versuchsleiter und den Probanden als "Merkmalsträger" und Partner im Forschungsprozess. Nach den Studien zur Gehorsamkeit von Milgram (1963) wurden von der APA 1972 die heute international anerkannten "Ethical Principles in the Conduct of Research with Human Participants" verabschiedet; sie verweisen auf die besondere Verantwortung des Experimentators gegenüber seinen Probanden.
Versuchsteilnehmer haben häufig in dem Bemühen, ein "guter Proband" zu sein, Hypothesen darüber, was das Experiment von ihnen erwartet und sind bemüht, diesen zu entsprechen. Eine solche Haltung begünstigt eine "Sensibilisierung" von Probanden und sog. "reaktive Effekte": Befindlichkeiten werden wahrgenommen und der Untersuchungssituation zugeordnet, die bisher übersehen oder anders attribuiert wurden. Es kommt zu Verhaltensweisen, die durch den subjektiv empfundenen Aufforderungsgehalt der experimentellen Situation ("demand characteristics") provoziert werden, obwohl sie mit der Untersuchungsfragestellung nicht intendiert waren.
Als "Hawthorne-Effekt" wird in Anlehnung an arbeitspsychologische Untersuchungen die Tatsache beschrieben, daß Probanden aufgrund des Wissens, an einer Forschungsarbeit teilzu-nehmen, positiv und "motiviert" reagieren; in den Studien konnte dies beobachtet werden, gleichgültig ob die Veränderung der Arbeitssituation nun Vorteile brachte oder sie wieder nahm. Es kommt hier offenbar zu einer unspezifischen Wechselwirkung zwischen Probanden und experimenteller Situation, die den Befund substantiell beeinflussen.
Um eine Wechselwirkung zwischen den Erwartungen des Experimentators und der experimen-tellen Situation handelt es sich beim "Rosenthal-Effekt", der auch mit dem Begriff der "self-fulfilling-prophecy" gekennzeichnet wird: Tatsächlich bezieht sich diese Interaktion auf (a) die Ergebniserwartungen des Versuchsleiters, (b) seinen unterschiedlichen Umgang mit Probanden und (c) die Gefahr einer erwartungsgeleiteten Datenauswertung und Interpretation. Die Artefakt-Gefahr besteht jeweils in einer unmerklichen Begünstigung des hypothesenkonformen Verhaltens, die tatsächlichen Interaktionspartner des Experimentators sind demnach seine Probanden oder er selbst bei der Sammlung und Auswertung der Daten. Der Gefahr der artifiziellen Begüns-tigung bestimmter Ergebnisse wird, z.B. in der psychopharmakologischen Forschung mit sog. Blind- (Proband weiß nicht, welcher experimentellen Bedingung er zugeordnet ist) oder Doppel-blind-Studien (Proband und Datenauswerter haben keine Kenntnis der jeweils vorliegenden expe-rimentellen Bedingung) begegnet. - Damit wird dem Probanden bei Versuchsbeginn das Ziel des Experiments unter Umständen verschleiert, gelegentlich werden Versuchsteilnehmer mit unzutreffenden oder irreführenden Angaben über das Ziel der Untersuchung getäuscht - zum Zwecke der experimentalmethodischen Klarheit werden ethische Prinzipien des Experiments verletzt. Dies kann nur dann hingenommen werden, wenn eine andere Vorgehensweise das Forschungs-ziel gefährdete und wenn die Versuchsteilnehmer in einem ausführlichen Gespräch nach Abschluß des Experiments ("debriefing") über die tatsächlichen Ziele und den Umstand der Täuschung aufgeklärt werden.
Die Zukunft der Psychologie wird vom Fortschritt der experimentellen Methodologie bestimmt. Dies gilt, wie die Geschichte der Experimentellen Psychologie belegt, für neue Entwicklungen im Forschungsprozess wie auch - im Sinne grundlagenorientierter Anwendungsforschung - für die Überwindung der Trennung zwischen "Theorie" und "Praxis".




Literatur
 
Bacon, F. (1620, 1990). Neues Organon: lateinisch-deutsch. Herausgegeben und mit einer Einleitung von W. Krohn. Hamburg: Meiner.
 
Campbell, D.T. & Stanley, J.C. (1966). Experimental and quasi-experimental designs for research. Chicago: Rand McNally.
 
Cook, T.D. & Campbell, D.T. (1979). Quasi-experimentation: Design and analysis issues for field settings. Chicago: Rand McNally.

Cronbach, L.J. (1975). Beyond the two disciplines of scientific psychology. American
Psychologist, 33,
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Fisher, R.A. (1935, 1953). The design of experiments. (1st, 6th ed.). Edinburgh: Oliver & Boyd.
 
Hager, W. (1987). Grundlagen einer Versuchsplanung zur Prüfung empirischer Hypothesen der Psychologie. In G. Lüer (Hrsg.), Allgemeine Experimentelle Psychologie (43-253). Stuttgart: Gustav Fischer Verlag.
 
Kahneman, D., Slovic, P. & Tversky, A. (1982). Judgment under uncertainty: heuristics and biases. Cambridge: Cambridge University Press.
 
Kerlinger, F.N. (1979). Foundations of behavioral research (2nd ed.). London: Holt, Rinehart & Winston.
 
Lüer, G. (Hrsg.). (1987). Allgemeine Experimentelle Psychologie. Stuttgart: Gustav Fischer Verlag.
 
Lüer, G. (1991). Psychologie im Spiegel ihrer wissenschaftlichen Gesellschaft: Historische Fakten, Entwicklungen und ihre Konsequenzen. In D. Frey (Hrsg.), Bericht über den 37. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Kiel 1990, Bd. 2 (30-43). Göttingen: Hogrefe.
 
Nachreiner, F., Müller, G.F. & Ernst, G. (1987). Planung und Bewertung arbeitspsychologischer Interventionsmaßnahmen. In U. Kleinbeck & J. Rutenfranz (Hrsg.), Arbeitspsychologie. En-zyklopädie der Psychologie, Themenbereich D, Serie III, Bd. 1 (360-439). Göttingen: Hogrefe.
 
Popper, K.R. (1994). Logik der Forschung (10., verbesserte u. vermehrte Auflage). Tübingen: Mohr.
 
Sarris, V. (1992). Methodologische Grundlagen der Experimentalpsychologie. Bd. 2: Versuchsplanung und Stadien des psychologischen Experiments. München: Reinhardt.
 
Wundt, W. (1912). Elemente der Völkerpsychologie: Grundlinien einer psychologischen Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Leipzig: Kröner.